Ausgangslage

Warum SH 2.0 notwendig ist

Die Rahmenbedingungen für Selbsthilfe und zivilgesellschaftliche Gesundheitsarbeit hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Strukturell, ökonomisch und gesellschaftlich.

Was für einige als tragfähiges Modell schien, gerät zunehmend an systemische Grenzen.

In der Praxis bedeutet das mehr als schwierige Förderbedingungen. Es hat sich ein Gefüge aus Machtasymmetrien und ökonomischer Ungleichheit entwickelt: Verwaltungen sind abgesichert, Honorare und Gehälter finanziert, während Patienten- und Selbsthilfeorganisationen unter denselben Anforderungen arbeiten, ohne vergleiche Ressourcen oder Schutzmechanismen.

Selbsthilfe agiert nicht in einem stabilen Umfeld. Sie bewegt sich in einem Geflecht aus Förderlogiken, institutionellen Erwartungen, politischen Programmen, wirtschaftlichen Interessen und wachsender Verwaltung. Diese Konstellation erzeugt strukturelle Machtasymmetrien zwischen Verwaltung und Ehrenamt, zwischen Entscheidungsträgern und Betroffenen, zwischen ökonomisch abgesicherten Verwaltungsstrukturen und jenen, die Verantwortung ohne entsprechende Grundlagen tragen.

Viele dieser Asymmetrien bleiben unsichtbar, weil es kaum Räume gibt, in denen sie unabhängig analysiert werden können.
Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Selbsthilfe kontinuierlich. Dokumentation, Qualitätssicherung, Projektlogiken, Evaluation, Förderanträge, Fristen, Digitalisierung, rechtliche Fragen, Mitarbeit in Gremien und Beteiligungsformaten. Diese Anforderungen werden zunehmend als selbstverständlich vorausgesetzt. Ohne jegliche Absicherung, Planungssicherheit und ökonomische Abgeltung.

So entsteht eine strukturelle Schieflage. Ein zentraler teil des Systems trägt Verantwortung – auch wirtschaftlich, ohne über jene Voraussetzungen zu verfügen, die für verantwortungsvolles, nachhaltiges Arbeiten notwendig wären.

In vielen gesundheitsbezogenen Kontexten wird Beteiligung formal eingefordert. Tatsächliche Einflussmöglichkeiten sind jedoch häufig auf ein Minimum begrenzt. Patienten- und Selbsthilfeorganisationen werden eingeladen, eingebunden, angehört, jedoch in vorgegebenen Formaten, mit klaren inhaltlichen Grenzen und ohne reale Entscheidungskompetenz.

Es entsteht Beteiligung ohne echte Wirksamkeit. Einbindung ohne strukturelle Autonomie, Präsenz ohne Verantwortung auf Augenhöhe, bei zugleich wachsender Verantwortung an anderer Stelle.

Gleichzeitig wird ein erheblicher Teil der von Selbsthilfe erzeugten Wertschöpfung in Form von Wissen, Erfahrung und Legitimation in bestehende Systeme eingespeist, während nur ein kleiner Teil davon zur Absicherung dieser Arbeit zurückkehrt.

Abhängigkeit – unabhängig von welcher Seite – beeinflusst Themenwahl, Sprache, Handlungsspielräume. Das geschieht selten offen, sondern durch schrittweise Anpassung an bestehende Erwartungen, durch Integration in vorgegebene Strukturen, Auflagen und Forderungen.

Ökonomische Abhängigkeit ist dabei ein zentrales systemisches Risiko. Sie verlagert Entscheidungsspielräume dorthin, wo Ressourcen liegen und begrenzt Möglichkeiten, die Themen unabhängig zu setzen, Missstände klar zu benennen und langfristig zu handeln.

SH 2.0 geht davon aus, dass Unabhängigkeit heute keine persönliche Haltung ist, sondern eine zwingend erforderliche Voraussetzung für verantwortungsvolles Arbeiten. Nur wer ökonomisch eigenständig arbeitet, kann langfristig analysieren, kritisch einordnen und Verantwortung übernehmen. Ohne Rücksicht auf kurzfristige Interessen, Förderperiodenn oder institutionelle Erwartungshaltungen.

Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, Gesundheitsreform, Digitalisierung, demografischer Wandel, soziale Verwerfungen und eine Abfolge permanenter Krisen verstärken diese Dynamiken. Strukturen, die bereits unter Druck standen, verlieren systemisch ihre Tragfähigkeit. Selbsthilfe gerät in paradoxe Situationen. Sie soll mehr leisten, mehr auffangen, mehr stabilisieren, sich professionalisieren, während rechtliche, finanzielle und strukturelle Grundlagen weiter ausgehöhlt werden.

Systeme kollabieren nicht plötzlich. Sie erschöpfen sich schrittweise durch permanente Überforderung, Verschiebung von Verantwortung, Normalisierung unhaltbarer Zustände und Sanktionen. Wenn Verantwortung dauerhaft ohne Absicherung getragen wird, entsteht Verschleiß bei Organisationen. Wenn Unabhängigkeit strukturell unmöglich wird, bleibt nur noch Anpassung. Und wenn Analyse nur dort erlaubt ist, wo sie nicht stört, verliert ein System seine Lernfähigkeit.

System, die ihre kritischen Reflexionsräume verlieren, können sich nicht mehr korrigieren. Sie reagieren nur noch, statt zu steuern und verwalten, statt aktiv zu gestalten.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Es braucht neue strukturellen Voraussetzungen für unabhängige Arbeit.

SH 2.0 wurde als eigenständig entwickeltes Arbeitsmodell dort angesetzt, wo bestehende Strukturen ihre Grenzen erreicht haben: nicht innerhalb vorgegebener Förder-, Projekt- oder Gremienlogiken, sondern außerhalb jener Abhängigkeiten, die Analyse, Verantwortung und langfristige Wirkung systemisch begrenzen.

SH 2.0 schafft einen Raum, in dem Wissen, Erfahrung und strukturelle Analysen gesichert werden, in dem Verantwortung tragfähig organisiert ist und in dem gesellschaftliche Relevanz anstatt von Anpassung, von Substanz abhängt.