Abhängigkeiten

Zwischen Verantwortung und Abhängigkeiten

Unabhängigkeit wird in der Selbsthilfe gerne betont, ist aber strukturell kaum möglich.

Organisationen und Gruppen tragen Verantwortung für Menschen. Sie sollen kontinuierlich unterstützen, aufklären, Teilhabe ermöglichen und Betroffenen eine Stimme geben.

Gleichzeitig bewegen sie sich in einem Gefüge, dass sie systematisch in Abhängigkeiten drängt:

  • Förderlogiken
  • Projektzyklen
  • politischn Zyklen
  • institutioneller Steuerung
  • Industrieinteressen

Es handelt sich um ein strukturelles Spannungsfeld.

Förderlogiken und Projektfinanzierung

Die rechtliche und wirtschaftliche Basis von Selbsthilfeorganisationen bleibt prekär.

Öffentliche Förderungen sind begrenzt, zu niedrig, befristet und unvorhersehbar.

Anträge können abgelehnt oder gekürzt werden, teils ohne nachvollziehbare Begründung oder realistische Korrekturmöglichkeit. Nicht zuletzt auch vollständig gestrichen oder rückgefordert werden.

Die Verantwortung liegt dennoch bei Ehrenamtlichen, die häufig oft selbst chronisch krank und ohne wirtschaftliche oder rechtliche Absicherung arbeiten.

Drittmittel und Ungleichheit

Das System der Drittmittelfinanzierung verstärkt bestehende Ungleichheiten.

Nicht alle Diagnosen verfügen über dieselbe Aufmerksamkeit, Lobby oder wirtschaftliches „Potential“.
Seltene Erkrankungen oder komplexe Krankheitsbilder erhalten auch keine industriefinanzierte Unterstützung.

Organisationen, die auf Industriegelder angewiesen sind, bewegen sich in vorgefertigten Strukturen mit klar definierten wirtschaftlichen Interessen.

Es entsteht ein doppeltes Gefälle:

  • zwischen Diagnose mit wirtschaftlicher Attraktivität und jenen ohne
  • zwischen Organisationen, die sich anpassen und jenen, die Unabhängigkeit ernst nehmen und dadurch strukturell benachteiligt werden.

Finanzierung von Organisationen

Projektmittel werden deutlich niedriger bewilligt als beantragt.

Um handlungsfähig zu bleiben suchen Vereine zusätzliche Mittel. Etwa aus Industriequellen. Diese Gelder sind leichter zugänglich, erschweren jedoch unter Umständen kritische Positionierung, unabhängige Beratung und transparente Kommunikation.

Abhängigkeit entsteht daher auch aus strukturellem Druck.

Ehrenamt im Gesundheitssystem

Parallel dazu verschärfen sich die Rahmenbedingungen:

  • Inflation und steigende Lebenshaltungskosten
  • Fachkräftemangel und Aufgabenverschiebung ins Ehrenamt
  • Zunehmende Privatisierung im Gesundheitswesen
  • Ablehnungen von Reha- und Pensionsanträgen
  • fehlende oder reduzierte Unterstützungsleistungen

Betroffene und Ehrenamtliche tragen damit Strukturen, die das System dringend benötigt, jedoch ohne verlässliche Rahmenbedingungen.

Das ist eine Form struktureller Ungerechtigkeit.

Strukturelle Ungleichheit nach Diagnose

Die klassische Selbsthilfe – getragen von wenigen Ehrenamtlichen, projektabhängiger Finanzierung und punktueller Anerkennung – stößt an ihre Grenzen. Die Basisfinanzierung wird die Probleme auch nicht lösen (sh. Deutschland).

Demographischer Wandel, Institutionalisierung, Digitalisierung und ökonomischer Druck verstärken diese Instabilität. Stabilität ist unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich.

Abhängigkeiten und strukturelle Ungerechtigkeiten sind kein individuelles Versagen von ehrenamtlich engagierter Menschen. Sie sind das Ergebnis eines Systems, das Selbsthilfe zwar rhetorisch würdigt, praktisch jedoch in Unsicherheit, Projekt Logiken und Sanktionierbarkeit hält.

Wer Unabhängigkeit ernst meint, muss über Strukturen, Wertschöpfung und wirtschaftliche Eigenständigkeit sprechen und darüber, wie Verantwortung getragen werden kann, ohne in Abhängigkeiten und Ungleichheit zu geraten.

Auch eine reine Basisförderung wird diese strukturellen Problem nicht lösen.

Unsere Analysen zeigen anhand konkreter Beispiele, wie Abhängigkeiten, Förder Logiken und Machtstrukturen im Alltag von (Selbst-)Hilfeorganisationen wirken.