Unabhängigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Selbsthilfe überhaupt das tun kann, wofür sie existiert. Parteilich an der Seite von Betroffenen stehen, Missstände benennen, Strukturen kritisieren und Wissen teilen, ohne Rücksicht darauf, ob das für Geldgeber, Institutionen oder politische Stimmungen angenehm ist.
Eine Selbsthilfe, die ihre Themen, ihre Sprache oder Prioritäten an die Erwartungen anderer anpasst, verliert genau das, was sie unverwechselbar macht: IHRE GLAUBWÜRDIGKEIT.
In einem Gesundheitssystem, dass sich immer stärker an Kennzahlen, Projekten und Interessen einzelner Akteure ausrichtet, wird Unabhängigkeit deshalb zu einem unverhandelbaren Wert. Sie entscheidet darüber, ob Betroffene eine Stimme haben, die wirklich frei sprechen kann, oder ob sie nur „mitreden“ dürfen, solange sie den Rahmen nicht sprengen.
Unabhängige Selbsthilfe kann Widerspruch äußern, blinde Flecken sichtbar machen und auf strukturelle Ungerechtigkeiten hinweisen. Auch dann, wenn das kurzfristig unbequem ist, Förderanträge gefährdet oder Kooperationen irritiert.
Gerade weil sich Versorgung, Finanzierung und Machtkonstellationen verändern, braucht es Orte, an denen Orientierung nicht gekauft, sondern erarbeitet wird.
Unabhängigkeit ist zugleich eine der wichtigsten Zukunftsfragen. Denn je stärker öffentliche Systeme unter Druck geraten, je mehr Versorgungslücken entstehen und je häufiger Verantwortung ins Ehrenamt ausgelagert wird, desto wichtiger werden Strukturen, die nicht von der nächsten Wahl, der nächsten Budgetrunde oder dem Interesse eines Unternehmens abhängen.
Unabhängige Selbsthilfe kann langfristig denken, jenseits politischer Zyklen und Modelle entwickeln, die sich an den Bedürfnissen chronisch kranker Menschen orientieren; nicht an Förderzyklen oder Förderformularen.
Damit wird Unabhängigkeit zu einem strukturellen Prinzip: Sie zeigt sich darin, wie Geldflüsse gestaltet sind, wer über Inhalte mitentscheidet, welche Kooperationen möglich sind und wo klare Grenzen gezogen werden. Sie ist nicht verhandelbar, weil ohne sie alles andere verhandelbar wird: Rechte, Versorgung, Sichtbarkeit und die Würde derjenigen, für die Selbsthilfe da ist.